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Interview mit der Künstlerin
Renate Seinsch am 4.08.2023

Erste Schritte

mit Renate Seinsch

 

Eine maisgelbe Jacke wärmt sie an diesem trüben, regnerischen Sommertag, goldgelb leuchtet ihr Schmuck wie um dem Wetter und den allgemeinen Umständen etwas Glanz und Licht entgegenzusetzen – mit dem vertrauten breiten Lächeln öffnet Renate Seinsch mir die Tür in ihrem Haus in Birnbaum. Die vielen kleinen Räume haben einen hohen Unterhaltungswert: Ihre Bilder erzählen von ihrer unerschöpflichen Kreativität, der Vielseitigkeit ihres künstlerischen Ausdrucks, von einem wachen Blick auf ihre Umgebung und tiefem Verständnis und oft auch ihrem Witz, mit dem sie darauf reagiert.

Der Sommer 2023 geht als heißester Sommer seit Menschengedenken in die Geschichte ein – nur in Deutschland und besonders in Oberberg bleibt es regnerisch und kühl. So findet unser Gespräch nicht im Garten, sondern in der gemütlichen Küche statt. Ach, Garten! Was sage ich! Ein ganzes großes Stück Land ist hier bepflanzt, gestaltet, belebt, von den Bewohnern sichtlich immer wieder bestaunt und geliebt – ein wahres Paradies, umfriedete Natur, die immer wieder Inspiration für ihre Kunst war und ist.

Die Ausstellung „Die Bilder fliegen mich an“, die im September im Alten Baumwolllager gezeigt wird, ist schon lange geplant – und doch ist dieses Jahr alles anders. Diese Retrospektive zum 85. Geburtstag sollte Teil einer großen, fröhlichen Feier werden. Aber der Sommer entwickelte sich ganz anders als gedacht: Jörn Seinsch, Renates Mann, wurde mitten in der Gartenarbeit von einem Schlaganfall getroffen und starb Ende Juni. Alles ist anders – und die Gleichzeitigkeit von Trauer, Schmerz und Lebensmut und Gestaltungswillen wird beinah körperlich erfahrbar. Plötzlich auf sich gestellt, nach 60 Jahren Ehe allein im großen Haus, umgeben von Erinnerungen, zeigt sich auch das, was Renate Seinsch immer ausgemacht hat: Sich aufrichten, in ganzer Größe und mit lauter Stimme furchtlos kundtun, was sie will und denkt. Die Ausstellung wird eröffnet werden! Das Interview findet statt! Auch Staunen und Freude über das eigene Leben, Lachen, Glückwünsche und Applaus haben ihren Platz! Die Geschichten, die man anderen erzählt, das Lachen, das man aussendet, kommen auch wieder zu sich selbst zurück: Das kann man im Zusammensein und im Gespräch mit Renate erleben.

 

  1. Die Ausstellung, die am 02. September eröffnet wird, zeigt Bilder aus verschiedenen Schaffensphasen eines langen Künstlerlebens. Wo beginnen da die „ersten Schritte“?

Schon in der Schule baten meine Freundinnen mich, ihre Bilder zu vervollständigen – seit ich denken kann, male und zeichne ich leidenschaftlich. Gerne wäre ich Modezeichnerin geworden, aber meine Eltern waren gegen eine Ausbildung. So arbeitete ich ein paar Jahre bei der Deutschen Bank in Bonn als angelernte Kraft und bekam sicher das originellste Arbeitszeugnis, das man als Bankangestellte so kriegen kann. Neben meinem Fleiß und meinem Engagement wurde besonders gelobt, wie ich mich durch das Zeichnen von Glückwunsch- und Weihnachtskarten aller Art, durch Illustrationen in der Firmenzeitung und zu anderen Gelegenheiten verdient gemacht hatte.

 

  1. Die folgsame Tochter hat also still und heimlich doch ihr Ziel verfolgt?

Ich könnte nicht sagen, dass ich einen Plan hatte, dass ich damals schon wusste, wo der Weg hingehen würde. Aber ganz sicher gab und gibt es einen unwiderstehlichen Drang in mir, mich künstlerisch auszudrücken – und dafür habe ich immer alles getan. Über vier Jahrzehnte besuchte ich Lehrgänge; vor allem die Bonner Maler Jean Dotterweich und Manfred Weil vermittelten mir grundlegende Kenntnisse in der Ölmalerei, bei der Studiengemeinschaft Darmstadt lernte ich Karikatur und Zeichnen sowie in der PH Bonn Aktmalerei, schließlich absolvierte ich auch eine Akademieausbildung mit Abschluss der Meisterklasse an der Malakademie Köln. Die bildende Kunst ist mein bevorzugtes Mittel, um mich auszudrücken – und darin wollte ich einfach so gut wie möglich werden.

Lange glaubte ich aber nicht wirklich an die Möglichkeit eines Erfolgs. Das änderte sich schlagartig 1967: Damals gab es ein Preisausschreiben der Frauenzeitschrift Constanze zusammen mit dem Hersteller von Q-Tipps unter dem Titel: „Mütter malen mit Wattestäbchen. Aus der Welt meines Kindes“. Am letzten Tag reichte ich meinen Beitrag ein: Auf einem schmalen Pappkarton gemalt, schaut ein kleiner Junge seinem Luftballon nach. Per Telegramm erhielt ich die Nachricht, dass ich den dritten Platz unter 700 Einsendungen gemacht hatte. 300 DM gab es – eine anständige Summe Geld, für die wir uns einen Teppich kauften! Dazu eine Ausstellung im Künstlerhaus München – da wurde selbst meinem Mann endgültig klar, wen er da geheiratet hatte! Er richtete mir gleich ein Atelier in unserem Haus in St. Augustin ein, das ich aber eigentlich nie richtig nutzte. Familie, Mitarbeit in unserer Kanzlei, die Arbeit im Haushalt – da passte es für mich nicht, mich ins Atelier zurückzuziehen.

Folgsame Tochter – das passt ganz gut zu mir, eigentlich überraschend gut, wenn ich mich mit den Blicken anderer sehe. Mitschülerinnen, Mitstudierende, später auch andere Wegbegleiter kennen mich als eine forsche Person, die keine Scheu hat, den Mund aufzumachen, sich auf die Bühne zu stellen, ihre Meinung zu vertreten. So hatte ich oft die Rolle der Wortführerin, derjenigen, die Reden schwingt – und der Erfolg, den ich damit hatte, besiegte meine Unsicherheit. Aus einer braven Tochter und Schülerin ist heute eine richtige Macherin geworden! Man wächst eben mit den Aufgaben, die man übernimmt!

Folgsam war ich auch lange in der Zeit meiner künstlerischen Ausbildung. Treu folgte ich meinen Lehrern, machte ihre Aufgaben zu meinen – erst allmählich entwickelte ich meinen eigenen Stil. Mein damaliger Lehrer Leyendecker in der Malakademie unterstützte mich, als ich in einem Kurs bei ihm anfing, Kühe zu malen, so wie ich sie sah und wie ich sie zeigen wollte. Daraus wurde ein ganzer Zyklus mit Nutztieren. Mein Mann Jörn und ich, wir begannen damals, uns aktiv für den Tierschutz einzusetzen – mein künstlerischer Ausdruck hatte einen wirklichen Antrieb.

Es dauerte dann aber noch einmal, bis der Knoten wirklich platzte. Das war bei meiner ersten Einzelausstellung 1999 im Heimatmuseum in Bergneustadt mit dem Titel „Viechereien“. Die Anerkennung beflügelte mich! Gleich sieben Bilder verkaufte ich! Und dann kamen Anfragen von der Stadt Gummersbach, vom Lions-Club, die mich baten, bei Ausstellungen mitzumachen. Plötzlich hingen meine Bilder nicht nur im Oberbergischen Kreis, sondern zum Beispiel auch in Frankreich, in unserer Partnerstadt LaRoche.

Mich brachte also weniger mein eigener Ehrgeiz, ein Ziel zu erreichen, nach vorne, sondern eher die Erfahrung, gefragt zu werden. Diese Reaktion auf meine Kunst ist ein ganz wesentlicher Glücksmoment, aus dem Energie für den weiteren Weg erwächst.

 

  1. Was ist das größtmögliche Vergnügen auf deinem Weg als Künstlerin?

Ideen zu meinen Bildern sind nicht das Ergebnis langer Überlegungen. Bilder fliegen mich an – und dann werden sie gemalt! Die höchste Befriedigung gelingt natürlich nicht bei jedem Bild, aber der schönste Lohn für mich ist, wenn mir ein Bild gelingt, das ich als vollkommen im Ausdruck empfinde. Oft ist das der Fall, wenn man in einen Flow gerät, einfach getragen wird, ein Werk in einem Guss vollenden kann, ohne großes Nachsinnen oder Korrigieren. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl! Man könnte singen, tanzen, jauchzen, sich betrinken – man erlebt, wie die innere Energie Gestalt, Form und Farbe annimmt – einfach umwerfend!

 

  1. Kunst braucht Publikum – was willst du deinem Publikum mitteilen?

Meine Bilder teilen sich selbst mit – da braucht es keine Erklärung. Der Betrachter sieht, was für ihn wichtig ist und spürt, was ihn anspricht. Wenn ich meinem Publikum etwas mitteilen will, dann eher ganz grundsätzlich: Für mich ist ein Leben ohne kreativen Ausdruck undenkbar – und so oft hat mir die Kunst geholfen, auch schwierige Lebensphasen zu meistern. In meinen Bildern, in meinem künstlerischen Schaffen habe ich immer einen Weg gefunden, diese Künstlerinnenseele in mir lebendig zu halten – und dort liegt oft die Quelle meiner Energie und Lebensfreude. Wenn sich jemand durch mich anstiften lässt zu Kreativität, dann finde ich, meine Botschaft ist angekommen!


Im Übrigen: Sobald ein Bild an die Öffentlichkeit geht, tut meine Aussage nichts mehr zur Sache. Der Betrachter sollte seine eigene Interpretation finden, die ausschließlich seiner Gefühls- und Denkart entspricht.

 

  1. Welche Begegnung war besonders prägend auf deinem künstlerischen Lebensweg?

Lange habe ich an mir selbst, an meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten gearbeitet und mich ausgebildet – mein wirkliches Leben als Künstlerin begann aber damit, dass ich von anderen wahrgenommen wurde und plötzlich zu einer Gruppe von Menschen gehörte, die ebenfalls als Künstler in der Öffentlichkeit auftraten. Die Begegnung mit anderen, der Austausch, gemeinsame Projekte, das Gefühl, andere zu begeistern mit dem, was man tut – das sorgt für eine Lebendigkeit, eine Fröhlichkeit, die man alleine im Atelier nicht erreicht.

EngelsArt, die Kunst- und Kulturinitiative in Engelskirchen, ist da natürlich ein ganz besonderes Beispiel! 2000 war ich als Gründungsmitglied dabei, als sich die Gruppe zusammenschloss, um Kulturarbeit in Engelskirchen lebendig zu machen. Bis heute bin ich Mitglied im Sprecherrat. Anfangs hatten wir noch nicht das Alte Baumwolllager als Spielstätte, sondern bewegten uns mit einer Kulturkarawane durch die Stadt, hielten Lesungen auf dem Hit-Parkplatz ab oder veranstalteten Konzerte und Events in Privathäusern. So auch 2002 bei den Birnbaumer-Kunsttagen auf unserem Grundstück – ein fantastisches Fest mit 20 Künstlerinnen und Künstlern, die bei uns im Garten, im Stall und auf dem ganzen Gelände ausstellten. Das Publikum brachte sich zum Teil Picknickdecken mit und feierte zwei Tage lang!

2005 fand eine große Ausstellung unter dem Titel „Wertlos“ im Park hinter der Engelsvilla statt – dort präsentierte ich meine „Wanderstühle“. Mit EngelsArt zusammen organisierte ich jedes Jahr die Tage der offenen Ateliers, durch die sich Künstlerinnen und Künstler in ganz Oberberg präsentieren konnten. Dadurch knüpfte ich so viele Kontakte und schloss Freundschaften – mein Engagement bei EngelsArt förderte mein Selbstbewusstsein ordentlich! – Selbst die Coronazeit wurde durch EngelsArt erträglicher – Teil unserer Aktionen waren auch meine Frauenporträts in den Schaufenstern von Ründeroth und Engelskirchen, die als Mutmacherinnen auftraten!

 

Wir begegnen dir und deinen Werken ja auch immer mal wieder in der Öffentlichkeit!

 

Ja, der Ankauf von Bildern für die Rathausgalerie in Gummersbach und die Tatsache, dass meine Hühner beim Bundesverband der deutschen Geflügelzüchter in Berlin hängen – das macht mich schon sehr stolz! Außerdem durfte ich das Altarbild der Heiligen Elisabeth in der katholischen Kirche in Nochen gestalten und erhielt dafür sehr berührende Reaktionen. Und einer meiner Wanderstühle aus der Aktion „Wertlos“ steht als Andenken daran im Foyer der Engelsvilla. Zuletzt wurde die Skulptur zur Städtepartnerschaft von Engelskirchen und Plan de Cuques in Frankreich und Mogilno in Polen vor dem Rathaus in Engelskirchen eingeweiht. Dieses Symbol der Partnerschaft und Freundschaft ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Manuele Klein, Detlev Weigand und Achim Lahr.

 

  1. Und wie geht es weiter?

Am liebsten immer weiter so! Aber ich weiß natürlich, dass die Endlichkeit des Lebens mich einschränkt. Große neue Pläne mache ich nicht. Trotzdem: Ich möchte immer weiter dabei sein! Das Leben im Jetzt wird immer wichtiger. Ich bin offen für die Veränderung, die diese Phase mit sich bringt. Welche Themen werden mich jetzt anfliegen? Wie werden meine nächsten Bilder aussehen? Ich vertraue auf meine Lebendigkeit – alles wird sich zeigen!

 

Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses Gespräch!

Katja Gerlach

 

 

Und hier gibt es mehr zu sehen:

http://www.renate-seinsch.de/

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