Interview II mit Johannes Göbel und Martin Mock am 19. August 2022
 

und auf einmal steht es neben dir: Die 13 Monate

Erich Kästner trifft joachim ringelnatz

Johannes Göbel und Martin Mock am 19. August 2022 im Baumwolllager

 

„Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe?
Schaltmonat wär? Vielleicht Elfember hieße?
Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.
Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?“

Erich Kästner, Die 13 Monate: Der dreizehnte Monat

 

Über welches Projekt sprechen wir heute, ungefähr ein Jahr nach dem letzten Auftritt bei EngelsArt?

Erich Kästner und Joachim Ringelnatz beschäftigen uns immer noch mit Texten, die uns durch ein Leben begleiten. Kindheit, Familie, die Liebe natürlich, auch die Arbeit – und am Ende der Blick zurück auf den Lebenslauf – wir spüren der Ordnung unserer Zeit in ihren Gedichten nach.

Wenn wir uns eine Zeit wünschen könnten – so fangen die Träume an – und dann gibt es doch unerwartete Begebenheiten, die dem Leben komische, tragische, traurige oder glückliche Momente geben. Und auf einmal steht es neben dir – das, was du so lang ersehnt… Über Zeit sprechen wir, über das Wünschen und das Geschenk: Wir wünschen uns ein Leben mit Glück ohne Maß – und werden von den Umständen und von unseren eigenen Begrenztheiten zurechtgestutzt. Die Wünsche nach dem Unerreichbaren bleiben – und sie bleiben auch der Motor für unser Schaffen. Das große Geschenk an uns sind die Texte von Kästner und Ringelnatz, die nie etwas von ihrer Bedeutung verlieren.

Ringelnatz und Kästner – gelesen, gesungen und gehört – immer neu in einer anderen Zeit. Letztes Jahr ging es um einen Dialog, was dem Menschen an Einsicht und Handeln möglich ist angesichts krisenhafter Lebensumstände. Damals speiste sich das Krisengefühl aus der Pandemie, heute erleben wir Krieg in Europa, eine neue Herausforderung für alle. Wir erwarten einen spannungsgeladenen Herbst. Viele Fragen tauchen erst nach und nach auf.

Zu jeder Zeit nimmt man Literatur anders wahr – die Frei-Räume in den Texten von Kästner und Ringelnatz geben uns als Leser:in oder Zuhörer:in die Möglichkeit, das aufzunehmen, was wir gerade brauchen. Jeder und jede bringt die eigene Situation mit hinein in eine Lesung, jede und jeder hat ganz eigene Empfänglichkeit für Musik.

Zeit – das ist das große Thema dieses Programms. Und die Zeit ordnet sich bei Kästner. Der Kalender scheint vertraut und doch wieder neu: Der dreizehnte Monat stiftet kreative Verwirrung! Aber am Ende wartet nach einer unruhigen Reise durch alle Möglichkeiten doch die tröstliche Gewissheit: „Im Kreise geht die Reise. Und dem Dezember folgt der Januar.“

 

Gab es bei diesem Projekt von Anfang an ein Ziel?

Auf jeden Fall gab es einen Anfang! Für Kästner waren die 13 Monate eine Auftragsarbeit einer Schweizer Illustrierten – wobei die Verlängerung des Kalenders um einen Monat natürlich künstlerische Freiheit war! Kästner als Stadtmensch hatte Mühe, die Natur so zu ergründen, dass er die Jahreszeiten in allen Facetten begreifen und verdichten konnte. So grub er sich tatsächlich durch Unmengen an Sekundärliteratur und brauchte schließlich drei Jahre, um das Werk abzuschließen.

Martin Mock brauchte ebenfalls drei Jahre, um die Gedichte zu vertonen. Dabei handelte es sich nicht im engeren Sinne um eine Auftragsarbeit, sondern um das Gestalten des Auftrags, den die Texte selbst ihm gaben. Die erste Inspiration zu einer Melodie ist wie ein Geschenk, unverlangt, aber auf Gebrauch und Vollendung drängend.

Als der Reigen abgeschlossen war, brauchte es ein Programm, in dem die 13 Monate – zumindest eine Auswahl davon – Ergänzung und Gegengewicht finden. Das war unsere gemeinsame Arbeit, die wir jetzt präsentieren.

 

Was war die größte persönliche Überraschung auf dem Weg?

Überraschende Einsichten ergeben sich bei näherem Hinsehen. Die Texte von Kästner haben Martin Mock schon als Jugendlichen so unmittelbar berührt, dass es für ihn ein Bedürfnis war, sich damit kreativ auseinanderzusetzen. Sie zu vertonen, vor Publikum zu singen und so lebendig zu halten, war wichtig! Warum das so war, wurde erst allmählich deutlich: In diesen Texten steckt die Lebens- und Leidenserfahrung der Kriegsgeneration, also der Eltern-Generation. Die eigene Kreativität hilft dabei, diese Traumata zu verarbeiten, Alpträume in Worten einzufangen, Erfahrungen hinauszusingen in die Welt.

Ringelnatz, der Hallodri, der Spaßvogel, der Taugenichts zeigt: Alles ist möglich! Es ist erlaubt, alles zu machen, was man möchte! Man muss die Zeit, die zur Verfügung steht, für eigene Versuch nutzen! Johannes Göbel kennt den Spruch von der brotlosen Kunst gut – und erfreut sich seit ein paar Jahren schon des ungeheuren Vergnügens, dieselbe zu machen! Im Gewand von Ringelnatz kann man eigentlich Unsagbares sagen in der Hoffnung, richtig verstanden zu werden. Durch dieses Alter Ego darf man sich noch einmal neu erfinden und erleben in neuer, aber doch vertrauter Haut.

 

Kunst braucht Publikum – welche Rolle spielt das Publikum? Gibt es eine Botschaft?

Die Botschaft des Publikums, das seit Jahren immer wieder ins Baumwolllager nach Engelskirchen kommt, an uns ist: Weitermachen! Das Publikum ist das Geschenk an uns! Wir können, da wir abwechselnd lesen oder singen, immer wieder die Reaktionen des Publikums beobachten. Da werden Gesichter oft zu Spiegelbildern innerer Geschichten, da leuchtet Erinnern auf, da bricht etwas auf. Unser Programm ist ein Dialog mit dem Publikum – seine Resonanz beflügelt unsere Risikobereitschaft, immer mehr von uns zu zeigen.

Die Literatur ist der Schatz, das sind die Perlen, die wir zum Leuchten bringen wollen. Wie jede gute Literatur aber eben genau die Freiräume lässt, die der Leser mit eigenen Gedanken füllen kann, genauso soll auch unser Vortrag Interpretationsspielräume zulassen.

 

Welches Ereignis war besonders prägend während der Arbeit? Und wie geht es damit weiter?

Der 24. Februar 2022 war ein Tag, der uns alle prägt, der der Zeit einen neuen Stempel aufdrückt: Krieg in Europa! Unsere Lebenszeit erhält eine neue Zäsur. Noch ist nicht klar, wie weit der Einfluss reichen wird. Aber das „Friedenslied“ von Martin Mock – vor dem 24. Februar geschrieben und als Zugabe zu hören - musste notwendigerweise zwei neue Strophen bekommen – es gibt eben doch nicht den einen langen Frieden in Europa.

Die Zeit nutzen – das erhält eine noch mächtigere Dringlichkeit! Pläne und Wünsche ohne Maß – das scheint noch deutlicher vorbei, als es vorher schon angeklungen ist. Das Leben so zu gestalten, dass es für jede und jeden als Erfüllung erlebt werden kann – das erfordert einen wachen Menschen! Man soll den Moment nicht verpassen:

„Und auf einmal --: Steht es neben dir,
an dich gelehnt --
Was?
Das, was du so lang ersehnt.“

Joachim Ringelnatz

 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Katja Gerlach

 
 
 
 
 
 
 
 
 
Interview
mit Johannes Göbel und Martin Mock
am 17. September 2021

Unser Interview bildete den nicht-öffentlichen Auftakt zu einem Abend, an dem ein gar nicht „scheues Wort“ (so der Titel eines Ringelnatz-Gedichts) die kleine große Bühne des Wolllagers betrat und ein Publikum erreichte, das konzentriert nachlauschte, in sich ging und im Nachgang viel Gespräch suchte. – Das ist den beiden Künstlern Lohn genug – dieses Gefühl, Menschen bewegt zu haben, die dann ein wenig verändert vom Theater zurück ins Leben gehen.

 

Der Inhalt des gut gefüllten Spendenkorbs ging an EngelsArt – als Zeichen der Solidarität in schwierigen Coronazeiten und mit dem Wunsch, die ehrenamtliche Arbeit des Teams von EngelsArt ausdrücklich wertzuschätzen und deren Bedeutung zu unterstreichen. Wir danken sehr! Mehr noch als damit fühlen wir uns beschenkt durch einen so intensiven Abend, an dem der Dialog zwischen den Künstlern auf der Bühne und dem Publikum nahezu greifbar war. Die Reihen waren gut gefüllt, die Veranstaltung war nach dem Applaus noch lange nicht zu Ende – die Menschen haben also offensichtlich den Genuss einer Live-Veranstaltung durch Corona nicht verlernt.

Die „Ersten Schritte“ verfolgen nun die Spur, die zu diesem Abend im September führt!

 

„Erste Schritte“ – wo begann die Geschichte der Begegnung von Erich Kästner und joachim ringelnatz?

Joachim Ringelnatz und Erich Kästner haben jedenfalls eine Zeitlang zeitgleich in Deutschland gelebt, sind sich aber nie begegnet. Wir bringen die beiden zueinander, lassen sie sich Bälle zuspielen und sich ergänzen auf der Bühne, um den heute Lebenden ihre immer gültigen Themen vorzuführen. Die Aktualität der beiden Schriftsteller ist so verblüffend wie deren virtuelles Zusammenspiel. Wir schlüpfen in ihre Worte, um unsere Botschaft vor ein Publikum tragen zu können. Über diesen Umweg über die Kunst wird Vieles sagbar! Durch musikalischen und theatralischen Vortrag finden Worte neuen Zugang in Ohren und Herzen – und das deutlich leichter als durch eine mahnende Rede.

Wir, Johannes Göbel und Martin Mock, haben uns im realen Leben kennengelernt – und wir sind seit 50 Jahren befreundet und eng verbunden. In vielen Gewohnheiten, Eigenarten und Ansichten schwimmen wir so sehr auf einer Welle, dass man meinen könnte, das Schicksal habe uns als uneigentliche Zwillinge in dieser Freundschaft zusammengeführt!

Kästner war übrigens auch schon immer dabei: Martin Mock kannte ihn schon als seinen Abiturdichter und hat früh begonnen, seine Kriegslyrik zu vertonen. Dass diese Lieder nicht alleine stehen konnten, war schnell klar – ein Rahmen war nötig: So entstand eine richtige Performance. Wo eine Performance, da braucht es eine Bühne: Martin Mock macht den Kästner, Johannes Göbel den ringelnatz!

Welches Bedürfnis hinter dieser Kunst steckt, offenbarte sich schrittweise, dann aber mit großem Aha! In unseren Familien wurde über den Krieg und seine Schrecken nie geredet – nur die Folgen sahen wir und sie blieben unerklärt. Wie im Märchen musste dieser Bann gebrochen werden: die sprachlose Elterngeneration braucht sprechende Nachgeborene! Als uns das klar wurde, gab es nahezu eine Explosion unserer Kreativität.

 

Die Antwort auf die Frage ist beinahe schon gegeben: Der Weg ist das Ziel!?

Eigentlich ist dieses Programm aus innerem Bedürfnis, auch aus dem Drang, dem Leben eine neue Spur zu geben, entstanden. Dass daraus seit 2014 eine ganze Reihe von Auftritten geworden sind, hat sich ergeben – also haben wir wohl andere Bedürftige angesprochen! Wir sprechen aus, was gesagt werden muss – und Kästner und Ringelnatz sind die, deren Wort wir uns leihen.

Sie liefern uns Verdichtetes zu Themen, die unvergänglich aktuell bleiben. Bisher haben wir drei unterschiedliche Programme entwickelt: „Es wär schon schöner, wenn es schöner wäre“, „Und auf einmal steht es neben dir: Die dreizehn Monate“ und jetzt, aus politischer Notwendigkeit entstanden: „Fantasie von übermorgen: wäre alles so leicht zu lösen.“ – In der „Fantasie“ von Kästner gelingt es den Frauen, den drohenden nächsten Krieg abzuwenden, indem sie die Männer einsperren. Seine Haltung der Welt gegenüber ist die eines skeptischen Beobachters – Ringelnatz sieht eher hoffnungsfrohe Auswege. Unsere beiden Ansichten kreuzen sich da manchmal! Während Martin Mock gerade jetzt sieht, dass, jedenfalls in Deutschland, Menschen durchaus auch in Krisensituationen fähig sind, Gutes zu tun, bleibe ich, Johannes Göbel, skeptisch, was die Dauerhaftigkeit von friedlichen Zeiten angeht.

Ein langer Weg mit wichtigen Haltepunkten! – Was waren persönliche Überraschungen und Vergnügen dabei?

Es gab und gibt so viele überraschende Begegnungen mit Menschen, die unvorhergesehen Neues möglich machen! So saß im Schloss Münchhausen bei Hameln der Großneffe von Ringelnatz in der ersten Reihe. Als Bewohner des Augustinums in Braunschweig verhalf er uns zu einem Auftritt eben dort. – Oder Weimar: Zum Jahrestag der Befreiung von Buchenwald traten wir mit dem Programm „…und die Katastrophe kam. Erich Kästner und die Kriege“ in einer dem Anlass nicht wirklich angemessenen Halle auf – aber die anschließenden Gespräche mit dem Publikum haben nachhaltig auf uns gewirkt. – Angedacht ist ein Auftritt im Französischen Dom in Berlin – auch diese Idee entstand durch den Kontakt zu einem begeisterten Zuhörer, der außerdem auch noch Leiter des Hugenottenmuseums im Dom ist.

 

Kunst braucht Publikum. Welche Rolle spielt der Gedanke daran?

Nicht nur die Vorfreude auf ein Publikum spielt eine Rolle – für uns ist auch der Ort, an dem wir auftreten, von großer Bedeutung. Wir suchen außergewöhnliche Orte, häufig mit historisch bedeutsamen Bezügen, damit die Kunst im Zusammenspiel mit Raum, Licht, Ambiente – und Menschen! – wirken kann. Die Kunst ist dabei das Kleid, in das die Botschaft gehüllt ist. Die Wirkung, die diese äußere Form haben kann, ist auch für uns oft überraschend. Erst die Reaktion des Publikums zeigt uns manchmal, welcher kleine gestalterische Höhepunkt uns da gelungen ist!

Welche Begegnung, welcher Umstand ist besonders prägend für Ihre Arbeit?

Unsere Kunst funktioniert wie ein Gesamtkunstwerk in der Resonanz auf Ort und Zeit, vor allem aber auf die Menschen, die uns zuhören. Die Reaktion auch eines Einzelnen, der verstanden hat, der die Worte auskostet, bei dem auch der Humor ankommt, ist der Motor für uns, weiterzumachen.

Ein besonders günstiger Umstand ist für uns unser Reichtum an Freiheit: Es geht uns um die Kunst, muss uns nicht ums Geld gehen. Passen Raum oder Zeit nicht zu unseren Ideen, dürfen wir auch ablehnen.

Und wie geht es weiter?

Martin Mocks Thema ist – nicht nur durch Corona – der Tod. Aber nicht ohne die Liebe! Johannes Göbel besteht auf diesem Kontrapunkt! Das Programm ist in Vorbereitung – der Titel steht schon: „Unsterblichsterblich. Alles hat seine Zeit.“

In großer Dankbarkeit für die intensive Beschäftigung mit dem Thema und viel Vorfreude verabschiedet sich

Katja Gerlach