Erste Schritte mit Ulrike Anna Bleier
am 03. September 2022

Ulrike Anna Bleier war in diesem Jahr die Regionsschreiberin im Bergischen Land mit Residenzen in Gummersbach und Remscheid. Das Residenzprogramm stadt.land.text. NRW hat sie ausgesandt, die Region und ihre Bewohner:innen zu erkunden und ihre Eindrücke aufzuschreiben. Aus den Akteur:innen, aus denen, die ihr Geschichten erzählen, werden so Leser:innen mit einem ganz neuen Blick auf die eigene Welt.

Im Bergischen Land folgte sie den Spuren der „Straße der Arbeit“ und befragte Menschen zu ihrer Arbeit.

Am 1. Mai fand im Alten Baumwolllager ein Schreibworkshop zu diesem Thema statt, bei dem wir uns das erste Mal begegneten. Heute treffen wir uns vor ihrer Lesung zur Straße der Arbeit, die begleitet wird von Steffen Thede und Paul Lindenauer, die passend zum Thema US-amerikanische Folk-Musik spielen, in denen die Arbeit selbst und Arbeiter:innen besungen werden.

 

Erste Schritte – was war die Motivation zu dem Projekt „Straße der Arbeit“?

Während der Coronazeit habe ich getan, was viele Menschen gemacht haben: Ich bin gewandert – und bei meinen Streifzügen durchs Bergische Land auf das Wanderzeichen der „Straße der Arbeit“ gestoßen. Dieser 280 Kilometer lange Themenweg von Wuppertal bis an die Sieg zur regionalen Industriegeschichte wird markiert durch ein schwarz-weißes Schild, auf dem ein halbes Rad zu sehen ist. – Dieses Zeichen fand ich einfach anziehend, und so wurde tatsächlich aus den ersten Schritten ein langer Weg und ein Teil meiner eigenen Arbeit.

Ich schreibe ungern über etwas, mein Schreiben folgt keinem fertigen Konzept. Viel lieber lasse ich mich überraschen von dem, was sich im Prozess des Schreibens zeigt. So wollte ich auch nicht über die Straße der Arbeit schreiben, wollte nicht meine Vorstellung vom Bergischen Land zum Besten geben – die besten Experten einer Region sind die Bewohner:innen selbst. Was sie über sich selbst sagen, das hat mich interessiert. Meine Aufgabe war also, ihnen einen Raum zu geben, um über sich zu erzählen, ihnen Fragen zu stellen und zu ergründen, welche Resonanz ihre Antworten in mir erzeugen.

Ich habe Menschen eingeladen, mit mir auf der Straße der Arbeit zu wandern und über ihre Arbeit zu sprechen, darüber, welchen Einfluss die Arbeit auf ihr soziales Leben hat, warum sie arbeiten, was sie arbeiten oder auch darüber, warum sie nicht (mehr) arbeiten.

Im Gespräch mit meinen Wegbegleiter:innen stieß ich zunächst überrascht auf meine eigenen Vorurteile: Das Bergische Land war für mich als Städterin bis dahin eine eher diffus verortete Region, eingebettet in Natur und bewohnt von Menschen, die sich gestört fühlen dadurch, dass die Großstadt sich immer mehr ausdehnt. Aber das Oberbergische hat eine ganz eigene Geschichte und damit auch eine eigene Identifikation. Hier war immer schon viel los, auch während des Mittelalters schon – und man könnte sagen, dass das große Köln auf das Bergische Land mit seiner Landwirtschaft und seinen vielen kleinen und mittleren Unternehmen angewiesen war oder immer noch ist. Dieser Lerneffekt war sehr erfrischend!

 

Gab es von Anfang an ein Ziel? Oder war der Weg das Ziel?

Ich bin immer daran interessiert, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzubringen und nebeneinanderzustellen. Das prägt meine schriftstellerische Arbeit, das war auch der Ansatz für meine Begegnungen auf der Straße der Arbeit. So wie ich auch in meinen literarischen Werken nicht die klassischen Helden in einer klassischen Dramaturgie auftreten lasse, so haben mich auf meinem Weg durchs Bergische nicht so sehr die Repräsentanten in offiziellen Positionen interessiert, sondern eher Menschen, die Repräsentanten der Vielfalt dieser Gesellschaft sind.

Diese Idee war wegweisend, aber den tatsächlichen Verlauf konnte ich nicht selbst vorausplanen. Es gab eine Pressekonferenz, auf der ich mein Projekt vorgestellt habe, die Zeitungen haben sehr engagiert mitgearbeitet und über mich und mein Vorhaben berichtet – und dann haben Menschen sich bei mir gemeldet. Auch das war eine Überraschung für mich! Als Stadtbewohnerin denkt man schnell, auf dem Land lebten überwiegend verschlossene Menschen – aber ganz das Gegenteil ist hier der Fall!

Das Thema Arbeit ist im Bergischen Land identitätsstiftend – diese Region hat sich durch Arbeit entwickelt. Schon immer haben Menschen hier gelebt, weil es Arbeit gab – zunächst im Bergbau, später in der Textil- und Metallverarbeitenden Industrie. Die Industrialisierung kann man im Bergischen, gerade auch in Engelskirchen, wie in einem Geschichtsbuch nachvollziehen. Hier war man in Sachen Elektrifizierung schneller als in Köln! Viele inhabergeführte Unternehmen gibt es noch heute hier – und man ist stolz, dazuzugehören. Irgendwo habe ich gehört, dass die Dichte an Patenten im Bergischen Land ausgesprochen hoch ist.

 

Was war die größte persönliche Überraschung, das größte Vergnügen auf dem Weg?

Überall habe ich nette Menschen getroffen, war beeindruckt und berührt von ihrer Offenheit. Ein wirklich besonderes Erlebnis war die Begegnung mit Rolf und Eckhard, die ich auf der Suche nach den Spuren mittelalterlicher Fuhrwerke auf der Bergischen Eisenstraße im Wald ansprach. Wir kamen ins Gespräch – und am Ende ergab sich die Einladung nicht etwa zu einem Spaziergang, sondern zu einem wirklichen Arbeitstag als Waldarbeiterin! Die beiden hatten sich ein Programm für mich überlegt, mich mit Sturzhelm und Handschuhen ausstaffiert und für mich einen „trockenen“ Baum ausgesucht, der gefällt werden musste. – „Ob die Buche weiß, dass sie sterben wird?“ - so heißt der Beitrag in meinem Blog dazu.

In dieser Situation habe ich an meinem eigenen Leib erfahren, was mich in meiner Arbeit umtreibt: Ich bin interessiert an dem Prozess, an dem Ort, an dem Menschen etwas tun. Daher empfinde ich Museen oft als weniger anziehend – an diesen Orten der Erinnerung ist die Vergangenheit abgeschlossen und nur noch als Rekonstruktion erfahrbar. Anders der Muskelkater nach dem Tag im Wald!

 

Kunst braucht Publikum – welche Rolle spielt der Gedanke an das Publikum bei der Arbeit?

Die Beziehung zwischen Autor:in und Leser:in ist immer geprägt von einem Dilemma. Ich schreibe, weil das meine Form des Ausdrucks ist. Ohne Publikum würde es keine Kunst geben. Aber ganz am Anfang ist man sein eigenes, sein erstes Publikum. Als Autorin werde ich zur Leserin des eigenen Werks. Zwischen dem Schaffen und dem Anschauen liegt eine zeitliche Differenz, die genau diesen Reiz ausmacht: Was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschrieben wird, wird von mir – und auch von anderen – mit einem mehr oder weniger großen Zeitabstand gelesen und reflektiert. Je nach Umstand oder persönlicher Verfassung ergibt sich eine unterschiedliche Resonanz.

Ohne Publikum gäbe es keine Literatur – die Leser:innen leisten die Hälfte der Arbeit, indem sie den Text in ihrer Vorstellung lebendig werden lassen.

 

Welche Begegnung war besonders prägend während der Arbeit an dem Projekt?

Es gab nicht das eine Ereignis – vielmehr war es eine Vielzahl interessanter Begegnungen, die in ihrer Verbindung ein Bild ergaben. In diesem Mosaik spiegelt sich auch die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Regionen des Bergischen Landes wider.

 

Und wie geht es weiter?

Auf der Straße der Arbeit habe ich Geschichten gesammelt und zu einem großen Bild zusammengesetzt – „Das Ganze in der Welt Unterschiedliche“.

Auch in meinem nächsten Roman „Spukhafte Fernwirkung“ versammeln sich Geschichten – ich sammle Figuren, die sich selbst erzählen. Nicht ich habe sie erfunden – ich habe ihnen nur zugehört und ihnen den Raum gegeben, damit sie sich begegnen können.

Ganz offensichtlich bin ich eine begeisterte Sammlerin und bin fasziniert von der Beuteltheorie der amerikanischen Autorin Ursula Le Guin. Gibt es andere Formen, die Welt wahrzunehmen? Wie stellt sich das Zusammenleben dar ohne göttliche Vorhersehung, frei von jeder Dramaturgie? Am Anfang war der Beutel – und was ich auf meinem Weg aufsammle und für wichtig erachte, kann ich auch anderen mitteilen – ohne die Dinge schon alle in Ordnung gebracht zu haben.

 

Ich bedanke mich herzlich für eine sehr inspirierende Begegnung!

Katja Gerlach

 

Zum Weiterlesen:

https://stadt-land-text.de/residentin/ulrika-anna-bleier/

https://lichtung-verlag.de/index.php/verlag/autoren/2-uncategorised/73-ulrike-anna-bleier-2