Wibke Brode

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Wibke Brode

am 07. Oktober 2021

Die leuchtenden Farben des Herbstnachmittags harmonieren aufs Schönste mit intensiv-farbigen Bildern, die die Wände im Haus von Wibke Brode zum lebendigen Museum werden lassen, mit den sich noch im Prozess entwickelnden Leinwänden in ihrem Atelier. Beim Betrachten der vielschichtigen, tiefgründigen Bilder öffnet sich der Betrachterin die Tür in eine ganz eigene Welt – schwingen zwischen Glitzer, Schellack, Blattgold und leuchtendem Pink orientalische Fantasien mit? Welche Geschichte verbirgt sich unter Schichten von Marmormehl, Kokosfasern, Wachs und Hasenleim, der trocknend aufbricht und darunter Liegendes erahnen lässt? Draußen arbeitet die Natur an ständiger Veränderung und Erneuerung – drinnen hat die Neu-Engelskirchenerin endlich genug Platz, um mit Farben und Material zu experimentieren, immer neue Ausdrucksformen zu finden für die schöpferische Energie, mit der sie sich beschenkt fühlt.

Das Jahr 2021 hat Wibke Brode viele neue, erste Male beschert. Bescherung geschieht allerdings selten, ohne dass man selbst mit einer aktiven – vielleicht zunächst unbewussten – Impulsgebung für die Richtung sorgt: Mit ihrem Umzug von Köln ins Oberbergische entschloss sie sich, bei EngelsArt nicht nur Mitglied zu werden, sondern auch im Sprecherrat mitzuarbeiten – und als nächstes eine große Einzelausstellung im Baumwolllager zu präsentieren. Darüber werden wir heute sprechen.

  1. Was waren die ersten Schritte, die Motivation zu der Ausstellung „Kathedralen aus uns selbst“?

Die Möglichkeit, in Engelskirchen eine Ausstellung zu machen, hat meiner Kreativität einen ungeheuren Schwung gegeben! Seit Corona hat es keine Ausstellungen mehr gegeben – und mit einer Ansammlung von fertigen Bildern im Atelier erstickt man förmlich! Die Arbeit muss an die Luft, muss ein Publikum haben – meine Freude ist also entsprechend groß!

Seit ich denken kann, fasziniert mich, wie es uns Menschen gelingt, Objekten eine Seele einzuhauchen. Wie kommt es, dass wir etwas schaffen, das dann als schön empfunden wird? Warum werden wir berührt durch Kunstwerke? Wie entsteht eigentlich diese spirituelle Aufladung von Bildern, Orten, Objekten? Das schlichte Kreuzzeichen enthält eine mächtige Aussage, ägyptische Götterstatuen haben über Jahrhunderte hindurch eine immer wieder erkennbare Form, die zum Ausweis für ihre Göttlichkeit wurde. Tempel, Moscheen, Kirchen, alle heiligen Stätten ziehen Menschen in ihren Bann, lenken die Aufmerksamkeit – auf Gott!? Oder nach Innen?!

„Kathedralen aus uns selbst“ – der Titel meiner Ausstellung schlägt da einen Bogen. Ich erschaffe mit dem Bild einen Raum, der sowohl für mich als auch für die Betrachter alles möglich macht: Welche Gefühle löst der Anblick aus? Was geschieht mit mir? Alles, was in uns ist, darf sich zeigen, frei von jeder Bewertung.

  • Gab es von Anfang an ein Ziel? Oder ist der Weg das Ziel?

Ich arbeite ohne Vorstellung und ohne Plan. Der Zufall spielt in meinem Leben und in meinem Werk eine große Rolle. Die Begegnung mit ihm ist für mich eine beglückende Erfahrung! Auf beinah magische Weise wirkt so jemand mit an meiner Arbeit, ich bin nicht alleine. Es ist ein bisschen so, als würde ein göttliches Wesen mitmachen und das Werk beseelen. So entsteht ein inniger Dialog – und meine Aufgabe ist es, aufmerksam zu sein und zu erkennen, was sich zeigen will.

Ich betrachte den Zufall als Chance – durch ihn wächst mir etwas zu, das vielleicht größer ist, als ich es je hätte denken können. Dabei habe ichtiefes Vertrauen und kann gut annehmen, was da kommt. Alles darf passieren. – Auch die schweren Momente, die Brüche im Leben müssen sich zeigen, hinterlassen Narben. Das kann man gut an den Hasenleimbildern sehen, bei denen die Oberfläche aufbricht und so neue Strukturen schafft, ohne jedoch das Bild zu zerstören oder ihm etwas zu nehmen. Gerade diese sich öffnenden Bruchstellen machen tiefere Einblicke möglich, ziehen das Interesse auf sich, fordern neue Lösungen – im Bild genau wie im Leben.

Mich trägt eine positive Grundeinstellung, ein Fundament aus Heiterkeit, Optimismus und Vertrauen. Dafür bin ich sehr dankbar, da es innerlich unglaublich frei macht. Ich muss mich nicht an Sicherheiten klammern, wenn ich denke, dass der vor mir liegende Weg sich im Gehen gestalten wird. Ich bin nicht festgelegt, kann gut auf mein Gefühl hören und das, was ich wahrnehme, spielerisch umsetzen.

  • Was ist das größte Vergnügen auf dem Weg?

Das Spiel mit neuen Materialien, die schier unendlichen Möglichkeiten und Erfahrungen beim Experimentieren sind das schönste Seelenfutter für die Künstlerin in mir! Das größte Vergnügen ist die Neugier auf das nächste Bild! Jedes ist eine Überraschung, kann eine Spur fortsetzen, aber auch gänzlich anders werden.

Anfangs habe ich tief weinrot monochrome Bilder gemalt, die eine gewisse Dramatik ausstrahlten. Ohne eine Antwort darauf zu finden, habe ich mich schon gefragt, was mir jemand damit sagen will, dass ich so hartnäckig bei dieser Farbe geblieben bin. Im Laufe der Zeit haben sich die Bilder verändert: Pink überwiegt, lebensbejahend, fröhlich, das Leben feiernd!

Die Bilder entwickeln sich, wachsen langsam, trocknen, reißen auf, werden geschliffen, aufgeraut, lackiert, übermalt. Farben stoßen sich ab, fließen, vermischen sich – oder auch nicht – jedenfalls ist nicht alles vorhersehbar, was da heranwächst. Die Bilder haben tatsächlich ein starkes Eigenleben und haben, wie jedes Individuum, ihre Berechtigung aus sich selbst heraus. Jedes Bild ist wie die Stufe einer Leiter – der jeweils nächste Schritt ist nur möglich, weil der vorhergehende gemacht worden ist. Die Abfolge der Bilder ist beinah wie ein Tanz – ein Schritt ergibt sich nach dem anderen. Man muss sich nur der inneren Melodie hingeben.

  • Kunst braucht Publikum.  Welche Rolle spielt der Gedanke an das Publikum bei der Arbeit?

So wie die Bilder vom Einwirken des Zufalls belebt und beseelt werden und nicht einem von mir ersonnenen Konzept folgen, so ist auch die Reaktion des Publikums nicht planbar. Das Publikum ist mein Resonanzkörper! Seine Reaktion löst meine Kreativität aus. Meine Bilder sind mein Beitrag zu unserer Kommunikation. Ich zeige, was in mir ist, ganz unmittelbar, ohne dem Bild einen Namen zu geben. Der Betrachter darf so unbeeinflusst sehen, was für ihn oder sie sich zeigt. Wenn dann jemand mein Bild annimmt, macht mich das glücklich.

  • Welche Begegnung war besonders prägend?

Wenn man unterwegs ist mit seiner Kunst, sucht man natürlich Orientierung, vielleicht Wegweiser, Lehrmeister, will sich vergleichen. So hatte ich auch lange eine Messlatte im Kopf und war nicht sicher, wie ich mich selbst einschätzen konnte. Bei einem Tag des offenen Ateliers begegnete ich so einer erfolgreichen Malerin, die wie ich monochrome Bilder malte. Wie gern wollte ich lernen – und wie enttäuscht war ich, als mir klar wurde, dass diese Bilder keine Geschichte hatten, dass sie nicht Ergebnis einer inneren Auseinandersetzung waren – jedenfalls keiner, die sich in Worten mitteilen ließen. Dieses Erlebnis war ein richtiger Impuls für mich – ich konnte ganz neu stolz auf mich sein, wusste, dass ich meinem Weg weiter folgen werde.

  • Und wie geht es weiter?

Mein Traum ist es, von meiner Kunst leben zu können! Ich werde also weiter an Ausstellungen teilnehmen, Einzelausstellungen organisieren und mein Publikum suchen. Nach der Coronazeit mit Einschränkungen und großen Unterbrechungen ist in vieler Hinsicht ein Neuanfang nötig und möglich – ich sehe das als Chance!

Für ein intensives Gespräch mit nachhaltig belebender Wirkung bedanke ich mich!

Katja Gerlach

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