Johannes Göbel und Martin Mock

mit Johannes Göbel und Martin Mock

am 17. September 2021

Unser Interview bildete den nicht-öffentlichen Auftakt zu einem Abend, an dem ein gar nicht „scheues Wort“ (so der Titel eines Ringelnatz-Gedichts) die kleine große Bühne des Wolllagers betrat und ein Publikum erreichte, das konzentriert nachlauschte, in sich ging und im Nachgang viel Gespräch suchte. – Das ist den beiden Künstlern Lohn genug – dieses Gefühl, Menschen bewegt zu haben, die dann ein wenig verändert vom Theater zurück ins Leben gehen.

/

Der Inhalt des gut gefüllten Spendenkorbs ging an EngelsArt – als Zeichen der Solidarität in schwierigen Coronazeiten und mit dem Wunsch, die ehrenamtliche Arbeit des Teams von EngelsArt ausdrücklich wertzuschätzen und deren Bedeutung zu unterstreichen. Wir danken sehr! Mehr noch als damit fühlen wir uns beschenkt durch einen so intensiven Abend, an dem der Dialog zwischen den Künstlern auf der Bühne und dem Publikum nahezu greifbar war. Die Reihen waren gut gefüllt, die Veranstaltung war nach dem Applaus noch lange nicht zu Ende – die Menschen haben also offensichtlich den Genuss einer Live-Veranstaltung durch Corona nicht verlernt.

Die „Ersten Schritte“ verfolgen nun die Spur, die zu diesem Abend im September führt!

  1. „Erste Schritte“ – wo begann die Geschichte der Begegnung von Erich Kästner und joachim ringelnatz?

Joachim Ringelnatz und Erich Kästner haben jedenfalls eine Zeitlang zeitgleich in Deutschland gelebt, sind sich aber nie begegnet. Wir bringen die beiden zueinander, lassen sie sich Bälle zuspielen und sich ergänzen auf der Bühne, um den heute Lebenden ihre immer gültigen Themen vorzuführen. Die Aktualität der beiden Schriftsteller ist so verblüffend wie deren virtuelles Zusammenspiel. Wir schlüpfen in ihre Worte, um unsere Botschaft vor ein Publikum tragen zu können. Über diesen Umweg über die Kunst wird Vieles sagbar! Durch musikalischen und theatralischen Vortrag finden Worte neuen Zugang in Ohren und Herzen – und das deutlich leichter als durch eine mahnende Rede.

Wir, Johannes Göbel und Martin Mock, haben uns im realen Leben kennengelernt – und wir sind seit 50 Jahren befreundet und eng verbunden. In vielen Gewohnheiten, Eigenarten und Ansichten schwimmen wir so sehr auf einer Welle, dass man meinen könnte, das Schicksal habe uns als uneigentliche Zwillinge in dieser Freundschaft zusammengeführt!

Kästner war übrigens auch schon immer dabei: Martin Mock kannte ihn schon als seinen Abiturdichter und hat früh begonnen, seine Kriegslyrik zu vertonen. Dass diese Lieder nicht alleine stehen konnten, war schnell klar – ein Rahmen war nötig: So entstand eine richtige Performance. Wo eine Performance, da braucht es eine Bühne: Martin Mock macht den Kästner, Johannes Göbel den ringelnatz!

Welches Bedürfnis hinter dieser Kunst steckt, offenbarte sich schrittweise, dann aber mit großem Aha! In unseren Familien wurde über den Krieg und seine Schrecken nie geredet – nur die Folgen sahen wir und sie blieben unerklärt. Wie im Märchen musste dieser Bann gebrochen werden: die sprachlose Elterngeneration braucht sprechende Nachgeborene! Als uns das klar wurde, gab es nahezu eine Explosion unserer Kreativität.

  • Die Antwort auf die Frage ist beinahe schon gegeben: Der Weg ist das Ziel!?

Eigentlich ist dieses Programm aus innerem Bedürfnis, auch aus dem Drang, dem Leben eine neue Spur zu geben, entstanden. Dass daraus seit 2014 eine ganze Reihe von Auftritten geworden sind, hat sich ergeben – also haben wir wohl andere Bedürftige angesprochen! Wir sprechen aus, was gesagt werden muss – und Kästner und Ringelnatz sind die, deren Wort wir uns leihen.

Sie liefern uns Verdichtetes zu Themen, die unvergänglich aktuell bleiben. Bisher haben wir drei unterschiedliche Programme entwickelt: „Es wär schon schöner, wenn es schöner wäre“, „Und auf einmal steht es neben dir: Die dreizehn Monate“ und jetzt, aus politischer Notwendigkeit entstanden: „Fantasie von übermorgen: wäre alles so leicht zu lösen.“ – In der „Fantasie“ von Kästner gelingt es den Frauen, den drohenden nächsten Krieg abzuwenden, indem sie die Männer einsperren. Seine Haltung der Welt gegenüber ist die eines skeptischen Beobachters – Ringelnatz sieht eher hoffnungsfrohe Auswege. Unsere beiden Ansichten kreuzen sich da manchmal! Während Martin Mock gerade jetzt sieht, dass, jedenfalls in Deutschland, Menschen durchaus auch in Krisensituationen fähig sind, Gutes zu tun, bleibe ich, Johannes Göbel, skeptisch, was die Dauerhaftigkeit von friedlichen Zeiten angeht.

  • Ein langer Weg mit wichtigen Haltepunkten! – Was waren persönliche Überraschungen und Vergnügen dabei?

Es gab und gibt so viele überraschende Begegnungen mit Menschen, die unvorhergesehen Neues möglich machen! So saß im Schloss Münchhausen bei Hameln der Großneffe von Ringelnatz in der ersten Reihe. Als Bewohner des Augustinums in Braunschweig verhalf er uns zu einem Auftritt eben dort. – Oder Weimar: Zum Jahrestag der Befreiung von Buchenwald traten wir mit dem Programm „…und die Katastrophe kam. Erich Kästner und die Kriege“ in einer dem Anlass nicht wirklich angemessenen Halle auf – aber die anschließenden Gespräche mit dem Publikum haben nachhaltig auf uns gewirkt. – Angedacht ist ein Auftritt im Französischen Dom in Berlin – auch diese Idee entstand durch den Kontakt zu einem begeisterten Zuhörer, der außerdem auch noch Leiter des Hugenottenmuseums im Dom ist.

  • Kunst braucht Publikum. Welche Rolle spielt der Gedanke daran?

Nicht nur die Vorfreude auf ein Publikum spielt eine Rolle – für uns ist auch der Ort, an dem wir auftreten, von großer Bedeutung. Wir suchen außergewöhnliche Orte, häufig mit historisch bedeutsamen Bezügen, damit die Kunst im Zusammenspiel mit Raum, Licht, Ambiente – und Menschen! – wirken kann. Die Kunst ist dabei das Kleid, in das die Botschaft gehüllt ist. Die Wirkung, die diese äußere Form haben kann, ist auch für uns oft überraschend. Erst die Reaktion des Publikums zeigt uns manchmal, welcher kleine gestalterische Höhepunkt uns da gelungen ist!

  • Welche Begegnung, welcher Umstand ist besonders prägend für Ihre Arbeit?

Unsere Kunst funktioniert wie ein Gesamtkunstwerk in der Resonanz auf Ort und Zeit, vor allem aber auf die Menschen, die uns zuhören. Die Reaktion auch eines Einzelnen, der verstanden hat, der die Worte auskostet, bei dem auch der Humor ankommt, ist der Motor für uns, weiterzumachen.

Ein besonders günstiger Umstand ist für uns unser Reichtum an Freiheit: Es geht uns um die Kunst, muss uns nicht ums Geld gehen. Passen Raum oder Zeit nicht zu unseren Ideen, dürfen wir auch ablehnen.

  • Und wie geht es weiter?

Martin Mocks Thema ist – nicht nur durch Corona – der Tod. Aber nicht ohne die Liebe! Johannes Göbel besteht auf diesem Kontrapunkt! Das Programm ist in Vorbereitung – der Titel steht schon: „Unsterblichsterblich. Alles hat seine Zeit.“

In großer Dankbarkeit für die intensive Beschäftigung mit dem Thema und viel Vorfreude verabschiedet sich

Katja Gerlach