Die industriellen Standortvorteile von einst

Briefe von Friedrich Engels sen. von 1837 bis 1857 an seine Frau und Geschäftsfreunde

Mehr als 120 Zuhörer/innen konnte EngelsArt am 14. Juni 2013 im Ratssaal der Gemeinde Engelskirchen begrüßen – früher einmal ein Gebäude der einzigen Baumwollspinnerei. Konzentriert verfolgten sie die zweistündige Lesung und sparten am Ende nicht mit begeistertem Applaus und einer kleinen Spende für weitere kulturelle Aktionen.

Auch 1837 verstanden es Unternehmer bereits, Standortvorteile für sich zu nutzen. Das geht aus Briefen hervor, die der Fabrikant Friedrich Engels sen. von 1837 bis 1857 während des Aufbaus der Engelskirchener Fabrik und auf Geschäftsreisen schrieb. Einige Briefe wurden in lockerer Atmosphäre von Harry Cremer und Hans-Otto Müller, Mitglieder der Künstlerinitiative ENGELSART, vorgetragen.

Kinder konnte er weniger zahlen

Der Unternehmer zahlte den Arbeitern an seinem Stammsitz in Wuppertal-Barmen Löhne, die er den unter Armut leidenden Engelskirchenern nach dem Aufbau seiner dortigen Baumwollspinnerei nicht zu zahlen hätte. Sie würden sich mit der Hälfte zufriedengeben. Und zahlreichen Kindern, die in seiner Fabrik an der Agger arbeiten würden, konnte er noch weniger zahlen. Denn riesig war der Bedarf an neuen Erwerbsmöglichkeiten für die zum Teil hungernden Bewohner Engelskirchens.

Als der Unternehmer in Engelskirchen eintraf, um dort den Standort für einen Spinnereibetrieb zu erkunden, wollten die dortigen Einwohner ihm aus lauter Dankbarkeit und Freude die Pferde ausspannen, um seine Kutsche eigenhändig zu ziehen. So jedenfalls berichtete 1837 der zuständige Lindlarer Bürgermeister dem königlichen Landrat in Wipperfürth.

Aber es gab weitere Standortvorteile: Die Agger führte ausreichend Wasser, um dessen Kraft direkt und später über erzeugte Elektrizität kostengünstig zu nutzen. Die Preise für das Land, auf dem Engels die Baumwollspinnerei errichten wollte, waren mehr als günstig. Und ausreichende Tonfunde ermöglichten die Herstellung von Ziegelsteinen für den Bau der neuen Fabrik.

Engels sen. sorgt sich um das gefährliche Gedankengut seines Sohnes

Der siebzehn-jährige Sohn Friedrich, der den Vater auf Geschäftsreisen begleitete, ergänzte einst zwei Briefe mit Zeilen an die Mutter, die allerdings keineswegs revolutionär klangen. Allerdings äußert der Vater in einem Brief an seinen Schwager und Vertrauten, den Oberhofprediger Snetlage, erste ernsthafte Sorgen über das gefährliche Gedankengut seines Sohnes, den späteren Weggefährten von Karl Marx.

In manchem Brief ging es jedoch nur um zu große Unterhosen, Mangel an gutem Wein und um die Seekrankheit, die Vater und Sohn bei Schiffspassagen ertragen mussten.

Im letzten Brief der Lesung, den der Unternehmer 1857 kurz vor dem Umzug der Familie in die Fabrikantenvilla in Engelskirchen schrieb, schilderte er, welches komfortable Nest er mit der Villa seiner Frau, den Kindern und sich geschaffen hatte.

Musikkabarettist Nico Walser lockerte das Lesespektakel auf mit Arbeiterlieder auf. Zu Gitarre und Ukulele präsentierte er zudem Improvisationen zur „Internationale“ in Country Music über Rock bis hin zu Hawaiianischen Klängen.

Moderator Karl Feldkamp, ebenfalls ENGELSART, steuerte zu den Briefen zeitgleiche Ereignisse aus der übrigen damaligen Welt bei. Neben dem Krimkrieg verweis er auf amerikanische Wirtschaftskrisen, Sissis Hochzeit, den Kampf deutscher Arbeitervereine sowie auf die Erfindung der Münchner Weißwürscht.

Doch auch heute haben die Engelskirchener berechtigte Sorgen um ihren Standort. Der Erhalt „ihres“ Industriemuseums, das in der Nachbarschaft des Gemeinderathauses vom Landschaftverband Rheinland betrieben wird, scheint gefährdet zu sein.

In ihm werden vor allem Gebäude und Technik der einstigen Baumwollspinnerei Ermen und Engels ausgestellt. Aber es präsentiert auch die Arbeitsbedingungen der einstigen Beschäftigten sowie manchen Einblick in das Leben der Unternehmer-Familie.

Der Landschaftsverband hingegen setzt seit dem Frühjahr 2013 eher auf Wechselausstellungen, die sich nur bedingt mit der Geschichte des Industriestandorts auseinandersetzen.

ENGELSART sieht in der Geschichte der Familie Engels und in den sozialen Bedingungen, unter denen ihre Beschäftigten einst leben und arbeiten mussten, einen unverzichtbaren Bestandteil der Geschichte ihrer Heimat-Gemeinde. Er sollte, da sind sich nicht nur die Mitglieder der Initiative einig, unbedingt dem Museum erhalten bleiben.